Im Fokus | Eisenhüttenstadt – ein Geheimtipp in Ostbrandenburg

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Im Fokus | Eisenhüttenstadt – ein Geheimtipp in Ostbrandenburg

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Gewaltige Fabriken,  graue Mietskasernen, pure Tristesse: Wer sich noch nie genauer mit der Kleinstadt an der deutsch-polnischen Grenze beschäftigt hat, mag ähnliche Bilder im Kopf haben. Dass „Iron-Hut-City“ – wie der Hollywood-Star Tom Hanks Eisenhüttenstadt fast liebevoll nach einem privaten Besuch nannte –  viel mehr zu bieten hat, wissen nur wenige. Und das sollte sich schleunigst ändern!

© Ben Kaden / Flickr CC BY 2.0 (https://flic.kr/p/bstXws)

Eisenhüttenstadt überrascht,

… weil es das größte Freiflächendenkmal Deutschlands ist.

Wer die Kleinstadt in all ihren Facetten verstehen will, kommt an der Gründungsgeschichte nicht vorbei. Unsere Reise nach Eisenhüttenstadt beginnt daher im Juli 1950 in der noch jungen DDR. Auf einem Parteitag der SED wird der Bau des Eisenhüttenkombinats Ost sowie einer sozialistischen Wohnsiedlung für die Arbeiter beschlossen. Durch ein harmonisches Zusammenspiel von Architektur, städtebaulicher Planung, kulturellen Angeboten sowie zahlreichen Frei- und Grünflachen soll die Idealstadt Deutschlands erbaut werden. Die Verbindung zwischen Arbeit, komfortables Wohnen und sozialen Einrichtungen soll die Gesellschaft fördern und den Alltag für die arbeitenden Einwohner samt ihrer Familien so angenehm und praktisch wie möglich machen. Die gut auf die Bedürfnisse der Bewohner eingehende Stadtplanung sah mehrere Wohnkomplexe vor. Wohnkomplex I fällt auch heute noch durch überaus schlichte Wohnzeilen auf. Im Kontrast dazu sind die Häuser des Wohnkomplexes III im Heimatstil der 1930er Jahre gestaltet – inklusive Märchenmotiven, verzierten Erkern und bogenförmigen Durchgängen. Wohnkomplex II zeigt mit seinen imposanten, beinahe herrschaftlichen Gebäuden besonders deutlich den Sozialistischen Klassizismus: symmetrisch, geradlinig, architektonisch und gestalterisch anspruchsvoll. Paradebeispiele sind etwa das Krankenhaus oder das Rathaus. Viele der denkmalgeschützten Bauten wurden erst vor kurzem durch Sanierungen aus ihrem Dornröschenschlaf wachgeküsst, wie zum Beispiel die ehemalige Großgaststätte „Aktivist“, die nach einer umfangreichen Restaurierung auch wieder ein Restaurant beherrbergt.

Welche Vielfalt an unterschiedlichen Baustilen in dem 94 Hektar umfassenden Freiflächendenkmal zu finden sind, lässt sich nur annährend beschreiben. Fest steht: Ein Besuch lohnt sich!

Fassade / © Ben Kaden / Flickr CC BY 2.0 (https://flic.kr/p/c6TuFS)
Rathaus / © Ben Kaden / Flickr CC BY 2.0 (https://flic.kr/p/c6TuFS)
Restaurant Aktivist / © Kathrin Henck, Tourismusverein Oder Region Eisenhüttenstadt e. V.

… weil der rohe Industriecharme fasziniert.

Die wuchtigen Industriebauten sind nicht nur genauso stadtbildprägend wie der Sozialistische Klassizismus, sondern mit der Stadtgründung maßgeblich verbunden. Die DDR plante ein sozialistisches Pendant zum westdeutschen Ruhrpott und schuf mit dem Eisenhüttenkombinat Ost (EKO) das bedeutenste Hüttenwerk der DDR. Bis zu 16.000 Arbeiter waren beim EKO gleichzeitig beschäftigt, die mit ihren Familien größtenteils in den modernen Neubauhäusern Stalinstadts lebten, wie Eisenhüttenstadt damals noch hieß. Auch heute noch ist die brandenburgische Kleinstadt ein Industriestandort – wenn auch bei weitem nicht mehr so bedeutend wie vor einigen Jahrzehnten. Aus dieser Zeit Eisenhüttenstadts zeugen einige Bauwerke, die wegen ihrer geschichtlichen Bedeutung inzwischen unter Denkmalschutz stehen. Allen voran der 1951 erbaute Hochofen Nr. 1, dem in den folgenden Jahren fünf weitere folgten. Das kolossale Baudenkmal steht für Industriebegeisterte und Fotografen ganz oben auf der Liste absolut sehenswerter Orte in Eisenhüttenstadt. Und auch den weniger Industrie- und Fotografie-Interessierten beeindrucken die Atmosphäre dieses verlassenen Ortes sehr.

… weil die Kunst im öffentlichen Raum wie durch ein Fenster in eine andere Zeit blicken lässt.

Die mehr als 100 Plastiken, Skulpturen und Wandmosaike im öffentlichen Raum lassen einen Spaziergang durch die Straßen zu einem Highlight werden. Während in der Lindenallee Tierskulpturen die Bewohner und Gäste Eisenhüttenstadts erheitern sollen, wartet die Parkanlage Gartenfließ an der Diehloer Straße vor allem mit menschlichen Statuen auf.

Im besonderen Kontrast zu den nüchternden Gebäuden stehen die bunten Wandmosaike und Glasfenster. Die markantesten dieser Werke wurden von Walter Womacka geschaffen, der zu den bekanntesten Künstlern der DDR zählt. Wegen seiner systemkonformen Kunst konnte er über einen langen Zeitraum hinweg das Vizepräsidentenamt des Verbandes Bildender Künstler der DDR und den Rektorenposten der Kunsthochschule Berlin-Weißensee bekleiden. In seiner frühen Schaffenszeit setzte Womacka in Eisenhüttenstadt das Natursteinmosaik mit dem Titel „Unser neues Leben“ um, das heute noch eine komplette Wand im Rathaus ziert. An der Fassade des ehemaligen „Kaufhaus Magnet“ in der Lindenallee findet sich ein großflächiges Mosaik, das unter vielen Namen bekannt ist, die allesamt das Thema treffend erfassen: „Arbeiten für den Frieden“, „Gemeinschaftsarbeit der sozialistischen Länder“ oder „Produktion im Frieden“. Im Fokus der Werke Womackas stehen Menschen, die zwar individuellen Tätigkeiten nachgehen, aber gemeinsam dargestellt zu einem Gesellschaftsbild zusammengefügt und inszeniert werden. Die weiße Taube ist ebenfalls ein immer wiederkehrendes Motiv. Ein systemverherrlichendes, typisches Womacka Werk schmückt auch das Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR. Die farbenfrohen Bleiglasfenster mit Kindermotiven zeugen von der Vergangenheit des Gebäudes, das früher als Tageskrippe genutzt wurde. Heute ist es ein Lern- und Erinnerungsort, dessen Besuch auf der Sightseeing-Tour nicht fehlen sollte.

Wandbild von Womacka in der Lindenallee / © Kathrin Henck, Tourismusverein Oder Region Eisenhüttenstadt e.V.
Wandbild / © Ben Kaden / Flickr CC BY 2.0 (https://flic.kr/p/d5bPXU)
Skulptur / © Ben Kaden / Flickr CC BY 2.0 (https://flic.kr/p/bFhXRt)

… weil Kultur hier aktiv gelebt wird.

Eisenhüttenstadt atmet nicht nur Geschichte, sondern wird auch von einer aktiven Kulturszene geprägt aus der auch DJ Paul van Dyk, als wohl berühmtester Sohn der Stadt, hervorging. Von besonderer Bedeutung für das kulturelle Geschehen ist das Friedrich-Wolf-Theater. Der von außen klassizistisch anmutende Bau thront mittig der als Hauptmagistrale geplanten Lindenallee, um Dich im Inneren mit dem Charme der 1960er zu bezaubern. Regelmäßig lädt das rund 700 Gäste fassende Theater zu Schauspielen, Tanzshows und Konzerten von durchaus populären Künstlern ein.

Wer es gemütlicher mag, sollte im Kunsthof Fürstenberg/Oder vorbeischauen. Während im Hofladen regionale Handwerkskunst ersteht, wird der kleine Innenhof des historischen Gebäudeensembles des Öfteren Schauplatz für Kleinkunst, niedliche Märkte oder kulinarische Events.

Das vielfältige Programm des nach dem Schriftsteller benannten Club „Hans Marchwitza“ richtet sich vor allem an jüngere und junggebliebene Kulturinteressierte. Mitmachen ist in den vom „InterKultur VielFarben e.V.“ getragenen Projekten ausdrücklich erwünscht. Bei dem bunten Potpourri aus Lesungen, Yoga, gemeinsamen Biken, Kunstworkshops, Theater und Musik findet jeder etwas, das sie oder ihn beseelt.

… weil es als Klein-Hollywood gilt.

Auch wenn Hollywood noch nicht hier gedreht hat, kann Eisenhüttenstadt bereits mit einer beeindruckenden Filmografie aufwarten. Die DDR nutzte ihre Film-Produktionen, um die Bürger nach ihrer Ideologie zu erziehen. Natürlich wurde auch das als Idealstadt geplante Eisenhüttenstadt mehrmals als Kulisse für DEFA-Filme gewählt, wie etwa 1963 im Kinderfilm „Die Suche nach dem wunderbunten Vögelchen“. Das bisher wohl bekannteste Werk, das teilweise in der brandenburgischen Kleinstadt gedreht wurde, ist das im Jahr 2017 veröffentlichte und für den Deutschen Filmpreis nominierte Drama „Das schweigende Klassenzimmer“. „Warum“ zählt zu den aktuellsten Projekten, bei dem Schauspielgrößen der deutschen Filmbranche u. a. im Rathaus von Eisenhüttenstadt vor der Kamera standen. Der Spielfilm über eine junge Kommunistin, die in den 1950er Jahre ein neues Leben in der DDR beginnen möchte, wird voraussichtlich 2019 in den Kinos laufen. Dreharbeiten sind in der charismatischen Stadt also keine Seltenheit. Wer also Schauplätze aus der Nähe betrachten will oder auf der Suche schönen Kulissen ist, wird hier auf jeden Fall fündig.