‚beflügelt von‘ Sarah Gwiszcz | Modedesignerin | Modelabel Wurlawy | Lübbenau/Spreewald (OSL)

‚beflügelt von‘ Sarah Gwiszcz | Modedesignerin | Modelabel Wurlawy | Lübbenau/Spreewald (OSL)

Tolle Leute |

Die Frage nach ihrem Berufswunsch, beantwortete Sarah Gwiszcz als kleines Mädchen mit „Künstlerin“. Denn schon als Kind wollte sie immer nur kreativ sein. Aus dem Wunsch „Künstlerin“ entwickelte sich später der Traum Modedesignerin zu werden. Und dieser Traum ist in Erfüllung gegangen. Was als Jugendliche mit heimischen Nähbastelarbeiten begann, mündete Jahre später – sowie einige Praktika, Weiterbildungen und ein Studium weiter – im eigenen Modelabel. Seit 2014 fertigt Sarah Gwiszcz ihre Mode unter dem Label Wurlawy. Frei aus dem Sorbischen übersetzt, steht Wurlawy für „wilde Spreewaldfrauen“. Und der Name ist Programm. Sarah Gwiszcz verbindet in ihrer Mode traditionelle Trachten mit modernem Design und überführt so den heimatlichen Brauchtum in die heutige Zeit und den Spreewald in die große Welt der Mode. Nach einer Zwischenstation in Berlin arbeitet und lebt sie dabei wieder dort, wo der Ursprung ihrer Mode liegt – im Spreewald. 2015 eröffnete sie in ihrer Heimatstadt Lübbenau das Ladenatelier Wurlawy.

1. Stelle Dich bitte noch einmal kurz vor. Wer bist Du, wo und wie lebst und arbeitest Du?

Ich bin Sarah Gwiszcz. Ich bin hier im Spreewald geboren, aufgewachsen und zur Schule gegangen. Nach der Schule habe ich in Berlin an der Akademie für Mode & Design, kurz AMD, Modedesign studiert und arbeite seit 2012 wieder hier in Lübbenau. Ich habe mich direkt nach meinem Abschluss im Teilerwerb selbstständig gemacht und 2013 mein Atelier bei mir zu Hause in Ragow eröffnet. 2014 habe ich mich voll in die Selbstständigkeit gestürzt und 2015 erstmalig auf der Berlin Fashion Week präsentiert. Danach waren der Hype und die Nachfrage groß und ich merkte, dass ich mit dem Atelier auf dem Dorf nicht so gut erreichbar bin. Ich suchte einen neuen Laden und bin hier in der Neustadt von Lübbenau fündig geworden. Die WIS Wohnungsbaugesellschaft unterstütze mich und ich konnte ein halbes Jahr „auf Probe“ einziehen. Ich habe mich dann schnell gut eingelebt und bin seither hier. Im unteren Bereich habe ich nun das Atelier, hier hängen die Modelle. Und oben im Arbeitsbereich, wo mein kreatives Chaos herrscht, können die Modelle direkt an den Kundinnen angepasst werden. Hier wird anprobiert, abgemessen, abgesteckt und genäht. Jedes meiner Modelle wird individuell an die Kundinnen angepasst. Jede Kundin kann sich entlang meiner Kollektionen Formen, Farben und Muster zusammenstellen.

2. Wie ist es zu der Idee Deines Labels Wurlawy gekommen und wie würdest Du Deine Mode beschreiben?

Die Idee ist während meines Studiums entstanden. Im Jahr 2010 haben wir, meine Kommilitonen und ich, das EU-geförderte Projekt ‚sorbisch modern‘ umgesetzt. Unsere Aufgabe war es, attraktive und modische Entwürfe und Outfits zu erarbeiten, welche die traditionellen Elemente aufgreifen. Die Ergebnisse wurden im Rahmen einer Modenschau in Guben präsentiert. Unsere Arbeiten kamen sehr gut an. Und mir wurde bewusst, dass ich direkt vor meiner Haustür eine große Inspirationsquelle habe. Auch schon zuvor habe ich mich mit der sorbischen Tracht beschäftigt, jedoch erst während des Projektes entdeckte ich die Faszination des Blaudrucks. Ein Handwerk, das ich erlernen, anwenden und in eigener Mode umsetzen wollte. Zudem spielte der Blaudruck früher eher in den Arbeitstrachten eine Rolle. Die Stoffe dieser sind, anders als bei den Festtagstrachten, derber, unempfindlicher. Ich war schon immer eine Designerin, die Stoffe bevorzugt, die man anfassen, waschen und mit denen man etwas machen kann. Und so würde ich auch meine Mode beschreiben. Sie ist tragbar, belastbar und waschbar. Ich mag dabei schon die Kontraste zwischen derben Stoffen und Spitze, aber die Mode muss für den Alltag funktionieren.

Auf den Namen Wurlawy bin ich gestoßen, als ich mich mit der sorbischen Sagenwelt beschäftige. Im Sorbischen wird das ‚y‘ am Ende wie ein kurzes ‚e‘ gesprochen. Viele sprechen es jedoch wie sie es lesen. Ich bevorzuge für das Label und den Eigennamen diese Variante. –
Die Wurlawy sind die wilden Waldgeister, die wilden Waldfrauen. Die Sage ist etwas düster, es geht um graue Waldfrauen, düstere Gestalten, die bei Nacht aus dem Wald kommen. Ich mag den Gegensatz zu den fröhlichen Trachten. Und, ich bin auch selbst eine Wurlawa, eine wilde Spreewaldfrau.

3. Mode wird zumeist in Metropolen gemacht. Designer zieht es u. a. nach New York, Mailand, Paris und auch Berlin. Du hast der Metropole den Rücken gekehrt und bist in den Spreewald zurückgegangen. Warum ist Lübbenau der richtige Ort für Dich und Deine Mode?

Hier liegen meine Wurzeln, die Wurzeln meiner Mode und der Ursprung der Tracht. In Berlin gibt es viele kleine Designer und alle haben etwas Besonderes. Im Spreewald werden meine Mode und das Besondere an ihr von Jedermann, und jeder Frau, verstanden. Hier ist sie angebracht und hat die größte Nachfrage. Dennoch findet die Vermarktung deutschlandweit und über Landesgrenzen hinweg statt. Meine neuste Lieferung ging sogar in die USA. Der andere Vorteil am hiesigen Standort ist, dass ich mehr Ruhe für das Designen und meine Arbeit insgesamt habe, da der finanzielle Druck nicht so groß ist wie in Berlin. Ich bin z. B. unabhängiger von den hohen Mietpreisen für Atelier und Arbeitsräume oder Wohnraum. Auch passt die Geschwindigkeit hier in der Kleinstadt zu meiner Slow-Fashion. Ich kann es mir hier einfach erlauben, mir Zeit für meine Entscheidungen und Entwicklungen zu nehmen. Ganz nach dem Motto: „Wenn es schnell gehen soll, mach‘ langsam!“.

4. Was sind Deine Lieblingsplätze hier und warum sollte man diese unbedingt einmal besuchen?

Ich arbeite viel. Meine Hauptwege am Tag sind tatsächlich zwischen dem Atelier und meinem zu Hause, manchmal mit Umweg am Supermarkt vorbei. Wenn ich dann doch mal unterwegs bin, besuche ich gerne Lehde. Ein Dorf, welches ebenfalls zur Stadt Lübbenau/Spreewald gehört. Das für diese Region sehr bekannte Gasthaus Kaupen Nr. 6, welches mitten im Spreewald gelegen und fast nur über den Wasserweg erreichbar ist, liegt direkt neben dem Haus meiner Tante und meines Onkels. Ich liebe dieses Haus. Wenn ich dort bin, sitze ich gerne einfach nur im Garten, beobachte die Besucher bei ihren Kahnfahrten oder im Kaupen Nr. 6 und freue mich, dass ich in einer so schönen Region lebe, in der andere gerne ihren Urlaub verbringen.

Ich besuche auch gerne das dort ansässige Freilandmuseum. Es ist das älteste Freilandmuseum Brandenburgs und zeigt das Leben der Spreewaldbewohner vor über 100 Jahren. Diese kleinen, reetgedeckten Holzhäuser mit ihren Trachtenschränken und alten Möbeln, lösen ein großes Ursprungsgefühl bei mir aus. Es ist sehr heimatlich dort, Tradition auf dem Punkt gebracht. Ich bin auch jedes Jahr mit einem Stand auf dem Weihnachtsmarkt im Freilandmuseum vertreten. Und ich freue mich immer sehr auf diese Zeit.

5. Wenn wir einen Blick in die Zukunft werfen, wo siehst Du Dich in 20 Jahren?

Genau hier, immer noch in meiner Heimat im Spreewald. Ich sehe mich als gestresste Unternehmerin, mit meiner Familie und meinen Kindern, die dann bereits zur Schule gehen werden. Als eine berufstätige Frau, die den Alltag mit Familie managen, sich mit Grundschullehrern befassen und Alltagprobleme meistern muss. Vielleicht und gerne auch noch wohnhaft auf dem elterlichen Hof. Ich habe dann vielleicht einen Zweitladen in der Altstadt oder in Burg.

6. Wenn Du Nähmaschine, Nadeln und Stift mal aus der Hand legst, was machst Du noch so?

Haare. Ehrlich, das Gestalten, Frisieren und Färben von Haaren ist schon sehr lange ein großes Hobby von mir. Und ich gehe sehr, sehr gerne tanzen. Ich packe meine Interessen für Mode, Haare und Musik auch oft zusammen. In diesem Jahr bin ich zu meiner eigenen Geburtstagsparty in einem heimischen Club mit riesigen Plateauschuhen, großer Haube mit Hello Kitty-Katzen auf dem Kopf und rosa Röckchen erschienen. Modische „Gelüste“, die ich in meinen Kollektionen und in meinem Label nicht einbringen würde. Aber natürlich verbringe ich gerne und vor allem meine freie Zeit mit meiner Familie und meinem Partner.

7. Stelle Dir vor, ich würde Dich zum Essen besuchen. Welches Gericht aus der typischen Spreewald-Küche würdest Du für mich kochen?

Ganz klar Pellkartoffeln mit Quark und Leinöl. Dabei muss es spicy sein, also mit vielen Kräutern, viel Salz und Pfeffer.

8. Zum Schluss: Gibt es etwas, dass Du in Deinem Leben gelernt hast und dass Du anderen gerne mitgeben möchtest?

Ich habe gelernt, dass jede Phase im Leben seine Zeit fordert. Wie ich es vorhin schon sagte: „Wenn es schnell gehen soll, mach‘ langsam!“. Und dabei ist es wichtig, dass man auf sich, sein Herz und sein Gefühl vertraut.