Themenreihe | Ankommen in Brandenburg mit Tina Vogel | Wittenberge (PR)

Themenreihe | Ankommen in Brandenburg mit Tina Vogel | Wittenberge (PR)

Tolle Leute |

Tina Vogel ist das, was man eine waschechte Berlinerin nennt. Aufgewachsen in der Hauptstadt, hat sie fast ihr ganzes Leben lang als Großstädterin verbracht, bis es sie im letzten Jahr nach Wittenberge in die Prignitz zog. Hier hat sie das andere, das ländlichere Leben kennen und schätzen gelernt. Inzwischen hat sie endgültig Stadt- gegen Landluft getauscht und sich fürs Bleiben entschieden. Wir haben Tina getroffen und mit ihr über das Ankommen und ihr Leben in Brandenburg gesprochen.

Du bist gebürtige Berlinerin und lebst seit etwa einem Jahr in Wittenberge, was war für Dich ausschlaggebend hierher zu ziehen?

Ich habe schon in den letzten Jahren gemerkt, dass mich Berlin ein wenig nervt. Mein Fluchtwunsch ist dann immer größer geworden. Eine Freundin führt in der Altmark, der Nachbarregion der Prignitz,  das Café Kavaliershaus Krumke. Das ist in den vergangenen Jahren mein Rückzugsort gewesen und ich hatte einfach immer häufiger das Bedürfnis aus Berlin dorthin zu fliehen. Im letzten Jahr ist dann mein Arbeitsvertrag ausgelaufen und mich überkam zeitgleich eine kleine Berlin-Depression. Dann leitete mir meine Freundin aus der Altmark die Stellenausschreibung der Präsenzstelle Prignitz  weiter, ich bewarb mich und es hat einfach alles gepasst. Das war Karma, Schicksal, wie auch immer. Seitdem bin ich hier, und glücklich.

[* Die Präsenzstelle Prignitz ist der Zugang zu den acht staatlichen Hochschulen im Land Brandenburg und hat sich als Ziel gesetzt, einen intensiven Austausch zwischen Schule, Wissenschaft und Wirtschaft in einer hochschulfernen, ländlichen Region zu ermöglichen.]
An der Elbe

Wie war Dein Ankommen hier in Wittenberge? Erinnerst Du Dich noch an Deine ersten Eindrücke? 

Meine ersten Eindrücke sammelte ich, bevor ich richtig angekommen bin. Und zwar über das Projekt „Summer of Pioneers“, das im letzten Sommer seine Auftaktveranstaltung hatte. Meine Bewerbung war eingereicht, doch es stand noch nicht fest, dass ich nach Wittenberge komme. Ich war zu diesem tollen und großartig organisierten Ereignis hier und hatte somit einen tollen ersten Tag in Wittenberge. Auf der anderen Seite habe ich den großen Leerstand und die kleinstädtischen und dörflichen Strukturen gesehen. Da hatte ich schon ein bisschen Schiss vor einem möglichen Leben hier. Als es dann geklappt hat, ich hergekommen und aus dem Zug ausgestiegen bin, war diese Angst verflogen. Es hat sich angefühlt, als wäre ich nach Hause gekommen ohne dass ich jemals hier gelebt habe. Ich fühlte mich sofort heimisch.

Wie ist Deine Erfahrung, gehen die hiesigen Brandenburger*innen auf Neuzugezogene zu?

Man hat durchaus erst einmal den Exotenstatus. Vor allem als Großstädterin ohne Auto. Dennoch habe ich die Prignitzer*innen als freundlich, offen und interessiert kennengelernt. Ich kann von keinen unangenehmen Begegnungen berichten.

Auf einem Hof in Zwischendeich, Wittenberge

Du möchtest in der Region bleiben. Was macht Wittenberge und die Prignitz so lebenswert für Dich?

Ich bin jetzt ein gutes halbes Jahr hier und fasziniert von dieser Weite. Die Prignitz hat einfach so viel Platz. Das erfasst man erst so richtig, wenn man wirklich ein Weilchen hier ist. Für mich ist das zum einen die physische Weite, die sich durch den Raum ausdrückt. Aber es ist auch etwas, das in meinem Kopf passiert. Meine Gedanken haben hier viel mehr Platz und in mir ist auch viel mehr Weite für Kreativität und neue Projekte. Diese gedankliche Freiheit hatte ich in Berlin nicht. Das ist schon etwas, das ich toll finde. Und selbstverständlich die Natur, die ganze Elblandschaft ist phänomenal schön.

Was fehlt Dir persönlich in der Stadt bzw. in der Region?

 Mir fehlt es insgesamt an mehr kulturellen Angeboten, wie Konzerte und Sommerkino. Meine Freundin, die hier großgeworden ist, sagte jedoch „Dann musst Du es einfach selber machen“. Das Schöne ist: Wittenberge bietet hier sogar wirklich easy die Chance, etwas selbst zu machen. Ansonsten würde ich mir für die Stadt Öffnungszeiten nach 12:00 Uhr am Samstag wünschen. Mir persönlich ist das nicht wichtig, da ich außer Lebensmitteln nahezu nichts neu kaufe. Aber mit Blick auf die vielen Elbradwegtouristen, die hier samstags völlig verloren durch die Stadt stromern, könnte das ein sinnvoller Gedanke sein. Ich glaube, eine Stadt am Elberadweg sollte am Wochenende ein gewisses Ambiente bieten. Davon profitieren alle, vor allem die Wirtschaft.

Gibt es etwas, was Du Dir für die Zukunft der Prignitz und speziell für Wittenberge wünschen würdest?

Tatsächlich würde ich mir noch ein bisschen mehr Mut von den Menschen hier wünschen. Sobald ich als Berlinerin mit den Einheimischen über irgendetwas spreche, zum Beispiel über Cafés, kommt sofort „Ja, das ist aber nicht wie in Berlin“. Sie entschuldigen sich also schon vorsorglich, dass es nicht dem Angebot in Berlin gleicht. Wo ich sage „Ja, genau deshalb bin ich hier“. Ihr müsst Euch nicht immer dafür entschuldigen, dass Ihr halt nur ein, zwei schöne Cafés habt, statt 200. Also ja, ein bisschen mehr Selbstbewusstsein und Mut würde ich mir für die Stadt und ihre Bürger*innen wünschen. Und mehr Mut und Selbstbewusstsein wünsche ich mir auch für die Vermarktung von Wittenberge und dieser wunderbaren Region. Aber ich glaube, das kommt in den nächsten Jahren.

Wie und wo verbringst Du Deine Freizeit hier? Welche Lieblingsorte/-plätze hast Du?

Alles entlang des Elberadweges im Wittenberger Umland ist wunderschön. Auch wenn man auf die andere Elbseite nach Sachsen-Anhalt radelt. Wie Schaf- und Kuhherden oder Massen an Zugvögeln, wie Kraniche und Wildgänse, auf dem Deich stehen, ist einfach zauberhaft. In der Stadt habe ich auch noch ein paar Lieblingsorte. Der Coworking Space in der Alten Ölmühle ist zum Beispiel einer davon. Und die Panorama-Sauna darüber, mit Blick auf die Elbe. Es ist einfach herrlich, im Winter in der Sauna zu sitzen und in die Weite zu schauen, wenn es draußen eiskalt ist.

Coworking Space in der Alten Ölmühle

Ich kann auch das Anker Café an der Elbe hier in Wittenberge empfehlen. Die Tische stehen genau am Deich. Von dort hat man einen phänomenalen Blick. Und das Safari am zentral gelegenen Bismarckplatz mag ich sehr. Der Laden heißt Safari, weil er in den 2000ern ein Dekorationsgeschäft mit dem Fokus auf Afrika war und nun von den „Pionieren“ als kleine Veranstaltungslocation  wiederbelebt wurde. Jetzt finden dort Lesungen, Kreativworkshops, Biertasting, usw. statt. Ein Ort an dem sich Zugezogene, Pioneers und Alteingesessene gerne treffen. Da hat man alle an einem Tisch. Ich hoffe, dass das Safari als Kultur- und Veranstaltungsort auch nach dem Ende des Projekts „Summer of Pioneers“ erhalten bleibt.

Coffee-Bike vor dem Tee- und Kaffeehaus Wittenberge

Nicht unerwähnt bleiben darf das hiesige Tee- und Kaffeehaus mit kleiner Kaffeerösterei, das mit ganz viel Liebe hergerichtet wurde. Außerhalb von Wittenberge mag ich die vielen schnuckeligen Orte, wie Cumlosen und Zwischendeich. Das Storchendorf Rühstädt ist ebenfalls immer einen Besuch wert. Dort sieht man auf jedem Haus drei Nester, verrückt. Das fand ich ziemlich cool. Das sind meine WOs, aber ich habe auch noch WIEs. Neben dem regelmäßigen Besuch der Veranstaltungen im schon genannten Safari, liebe ich Radtouren, Wandertouren und ausgedehnte Spaziergänge, wie zum Beispiel über die Eisenbahnbrücke, die einen Blick sowohl auf die Stadt als auch auf die sich am Strand sonnenden Kuhherden gewährt. Diese riesigen Flächen der Elbwiesen, welche als Überschwemmungsfläche für Hochwasser freigelassen werden  müssen, sind einfach etwas Besonderes. Mit dieser Weite fühlt es sich manchmal an als sei man in der Steppe im Mittleren Westen Amerikas. Ich bin jetzt auch supernerdy und habe mir ein Fernglas zugelegt. Zur Hobbyornithologin reicht es nicht, aber ich bin mittlerweile eine kleine Hobbynaturforscherin. Das fehlte mir in Berlin. In mir schlummerte viel Natursehnsucht. Und ich werkle auch gerne in meiner Wohnung, habe meinen Balkon schön hergerichtet und ziehe meine eigenen Gemüsepflanzen groß. Es klappt ganz gut und ich habe schon die ersten Tomaten dran.

Herzlichen Dank für das Interview liebe Tina!

[Der Beitrag ist in Kooperation mit Ankommen in Brandenburg – dem Netzwerk der Rückkehrerinitiativen entstanden.]

 

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