Themenreihe | Ankommen in Brandenburg mit Kata Oldziejewska | Online-Marketing-Beraterin und ehemalige Pionierin beim „Summer of Pioneers“
Kata Oldziejewska (links) und ebenfalls Neu-Brandenburgerin Tina Vogel  

Themenreihe | Ankommen in Brandenburg mit Kata Oldziejewska | Online-Marketing-Beraterin und ehemalige Pionierin beim „Summer of Pioneers“

Tolle Leute |

Von Warschau nach Berlin und von hier nach Wittenberge (Prignitz): Kata Oldziejewska hat im Rahmen des „Summer of Pioneers“, ein Projekt zum Landleben auf Probe, ihr Leben in der Großstadt gegen das auf dem Land getauscht und als „Landei“ zu neuen Perspektiven gefunden. Was die Online-Marketing-Beraterin, die zuvor einige Jahre in der Berliner Start-Up-Szene mitmischte, zu diesem Schritt bewegte und wie es sich für sie heute anfühlt, diesen Weg gegangen zu sein, darüber haben wir mit ihr gesprochen.

© Juliette Cellier | juliettecellier.de

Hallo Kata! Du hast im Rahmen der Initiative „Summer of Pioneers“ das Landleben auf Zeit getestet und bist nach Ende des Experiments geblieben. Was war für Dich ausschlaggebend hierzubleiben?

Ausschlaggebend war das Gefühl, dass dies das Richtige für mich ist. Ich habe das Projekt „Summer of Pioneers“ genutzt, um mich selbst wiederzufinden und kennenzulernen. Vor einem Jahr waren die großen Fragen bei mir sehr präsent: Bin ich glücklich? Was will ich? Was sind meine Ziele?

Ich habe sehr schnell gemerkt, wie gut es mir tut, hier zu sein. Zu dieser Zeit bin ich viel zwischen Berlin und Wittenberge gependelt. Dieses Gefühl, hier am Bahnhof auszusteigen, die frische Luft einzuatmen und die Weite zu spüren: Ich wusste, dieser Ort ist gut für mich.

Foto vom Wohnsitz der Interviewpartnerin Katarzyna Oldziejewska in Zwischendeich
Der neue Wohnsitz von Kata, ein altes Fachwerkhaus im Örtchen Zwischendeich

Den konkreten Plan auf dem Land zu wohnen, hatte ich nicht. Ich habe zuvor nur in Städten gelebt, bin in der Stadt aufgewachsen. Meine Familie kommt vom Land und als kleines Kind habe ich dort viel Zeit mit meinem Opa verbracht, mit ihm sogar Bäume gepflanzt. Es war toll! Ich hatte also schon Berührung mit der Natur und dem Landleben. Aber das ist sehr lange her und war mir später nicht mehr bewusst, sodass ich nie proaktiv nach dem Landleben suchte. Aber vielleicht wurden diese schönen Erinnerungen der Kindheit im Unterbewusstsein gespeichert und sind nun mitverantwortlich für dieses doch sehr vertraute Gefühl.

 

Du hast in Großstädten wie Warschau und Berlin gelebt, nun in Wittenberge. Wie war es für Dich aufs Land zu ziehen und wie ist es für Dich hier mittlerweile seit einem Jahr zu leben?

Das war ein Experiment für mich. Ich war dabei persönlich und beruflich meine neue Ausrichtung zu finden und wollte hierfür auch den Ort wechseln. Ich habe die Entscheidung bislang nicht bereut und sie hat sich zu jedem Zeitpunkt super angefühlt. Es hat viel mit meiner Spiritualität und meinem reduzierten Lebensstill zu tun. Mir gefällt zum Beispiel, dass es hier nicht so viel gibt – was vielleicht für andere ein Problem darstellt. Man muss das Leben daher komplett umdenken. Diese Bewegungen und Griffe, die man in der Stadt im Alltag so macht, funktionieren hier nicht. Man kann nicht bis 14 Uhr in der Stadt frühstücken oder abends beim Späti einkaufen. Ich fand das sehr inspirierend, alle Bereiche des Lebens umzudenken und umzustrukturieren. Dieses Überangebot mit so wenig Angebot zu tauschen, hat mir gutgetan und mich entspannt.

Wie ist Deine Erfahrung, gehen die hiesigen Brandenburger*innen auf Neuzugezogene zu?

Ich habe bislang keine negativen Begegnungen gehabt. Für mich war der Kontakt mit den Menschen in Wittenberge und in der Prignitz immer positiv. Im Rahmen meines ersten kleineren Projektes während des „Summer of Pioneers“ habe ich mich freitags mit einem Stand auf den Wochenmarkt gestellt. Ich habe unsere Flyer verteilt und den Menschen erzählt, wer wir sind, was ein Coworking Space ist und was wir da machen. Es ging darum, zu zeigen, dass wir keine Gruppe sind, die sich verschließt. Und die Einheimischen waren alle sehr offen und interessiert. Die meisten fanden es richtig toll, dass wir da sind und uns in die Stadt einbringen. Das war auch einer der Gründe, warum ich geblieben bin. Durch die Begegnungen auf dem Markt konnte ich mir ein wahres Bild der Wittenberger*innen machen, ohne Vorurteile.

Du bist als Digitalarbeiterin hier hergekommen und möchtest nun mit Deinem beruflichen Wirken Unternehmen in der Prignitz zu mehr digitaler Sichtbarkeit verhelfen. Wo siehst Du Wittenberge mit Blick auf die Auswirkungen der Digitalisierung in zehn Jahren?

Ich bin eine echte Verfechterin der Digitalisierung. Daher hoffe ich, dass die hiesigen Unternehmen in zehn Jahren die Möglichkeiten der Digitalisierung in vollem Umfang nutzen, um beispielsweise ihre Prozesse zu optimieren, mehr Sichtbarkeit zu bekommen oder den Kundenstamm zu koordinieren. Ich merke, dass es hier eine große Lücke gibt. Die Unternehmer*innen sind wirklich motiviert, aber haben meiner Beobachtung nach zu wenig Zeit, Energie oder Kenntnisse, um sich mit den Themen und Vorteilen, die im Zusammenhang mit der Digitalisierung stehen, auseinanderzusetzen. Hier möchte ich ansetzen und unterstützen (siehe www.catalysto.de). Meine Hoffnung ist, dass die Prignitzer*innen sich in zehn Jahren mit dem digitalen Kosmos vertraut gemacht haben, erfolgreicher geworden und dadurch auch zur Ruhe gekommen sind. Denn ich sehe in der Digitalisierung vor allem das Potential des Zeitsparens, sodass man am Ende mehr Zeit für sich und die wichtige Dinge im Leben hat.

Was fehlt Dir in der Stadt bzw. in der Region?

Mir persönlich fehlt wirklich nichts. Ich habe mich gut organisiert und bin total zufrieden. Jedoch würde es mich freuen, wenn weitere engagierte und leidenschaftliche Menschen den Weg in die Prignitz finden. Hier ist noch viel Platz vor allem für Kreativschaffende und Menschen, die gestalten wollen. Seit der Wende gibt es in Wittenberge viel Leerstand, die meisten jungen Menschen ziehen nach der Schulzeit weg. Es ist ein großes Problem, dass es hier für junge Erwachsene wenige Perspektiven gibt – beruflich, in Bezug auf Bildung, aber auch hinsichtlich des Freizeitangebotes. Es bedarf also einer Infrastruktur für die junge Generation, um diese zum Kommen und/oder zum Bleiben zu motivieren. Hierfür braucht es aber auch Menschen, die aus diesem „Nichts“ Kraft schöpfen und etwas schaffen möchten. Für mich und die Pioniere, die geblieben sind, ist das ein starkes Argument: Hier ist noch Platz und etwas zu tun. Also, wenn jemand das Interview liest und einfach mal vorbeischauen möchte, kann er oder sie sich gerne bei mir melden. Es geht aber nicht darum, hier ein zweites Berlin zu schaffen! Das ist uns sehr wichtig, weil wir es genießen, dass es hier anders ist.

Die Alte Wehrmühle in Wittenberge, dem ehemaligen Standort des "Summer of Pioneers"-Coworking-Space

Gibt es etwas, was Du Dir für die Zukunft der Prignitz und speziell für Wittenberge wünschen würdest?

Ich würde mir wünschen, dass sich die Wirtschaft weiter entwickelt. Wir haben hier Unternehmer*innen, viele Selbstständige und Produzenten. Aber es wäre sinnvoll, wenn sich hier mehr Unternehmen aus der Kreativ- und Digitalwirtschaft ansiedeln würden. Das würde Arbeitsplätze für die Leute schaffen, die zum Beispiel meinen, sie könnten nicht auf dem Land wohnen, weil sie in Hamburg eingebunden sind. Oder für all diejenigen, die nach dem Studium in Berlin wieder zurück in ihre Heimat kehren wollen und hier einen coolen Job haben möchten. Aktuell ist es so, dass man vielleicht gerne hier leben möchte, aber beruflich keine spannende Perspektiven findet.

Wenn wir jetzt einen Blick in die Zukunft werfen, wo siehst Du Dich in 10 Jahren – Stadt oder Land?

Auf jeden Fall hier. Warum sollte ich in die Stadt? Die Stadt ist für mich überbewertet und einfach zu voll. Aber wer weiß. Soweit in die Zukunft kann ich nicht blicken. Das ist ja jetzt ein Trend, eine Bewegung. Man hat keinen Bock auf die Stadt. Aber auf die Stadt, wie sie aktuell ist. Wenn sich die Städte in zehn Jahren anders entwickeln, dann würde ich vielleicht schon in die Stadt zurückgehen. Aber nach heutigem Stand fühle ich mich hier superwohl und wüsste nicht, warum ich zurück in die Stadt sollte. Da zieht mich wirklich nichts hin.

Wie und wo verbringst Du Deine Freizeit hier? Welche Lieblingsorte/-plätze hast Du hier?

Meine Freizeit verbringe ich gerne im Garten. Dort kann ich in Ruhe Kaffee trinken, auf der Hängematte lesen oder mit meinen Mitbewohnern philosophieren. Wir haben sehr oft Besuch, so dass uns nie langweilig wird.

Kata Oldziejewska (links) zusammen mit Tina Vogel - ebenfalls Neu-Brandenburgerin - im Garten

Und die Elbe ist hier um die Ecke, an der man hoch und runter spazieren kann. Ich fahre auch viel Fahrrad und mache Yoga. Das Yogaangebot in Wittenberge ist übrigens echt toll. Ich genieße auch gerade das Kochen, Backen und Obst verarbeiten. Jetzt nehme ich mir dafür viel mehr Zeit. Ich arbeite fokussiert, genieße es aber, in meinen Pausen runter in die Küche zu gehen und Kekse zu backen oder Apfelmus und Pflaumen Chutney zu kochen. Die verteile ich dann und mache meinen Mitmenschen eine Freude damit. Das sind die Momente, für die ich jetzt auch hier bin.

Herzlichen Dank für das Interview liebe Kata!

[Der Beitrag ist in Kooperation mit Ankommen in Brandenburg – dem Netzwerk der Rückkehrerinitiativen entstanden.]

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